Als Übersetzer waren tätig: Ludwig Most (Bremervörde), Günter Müller (Erfurt), Germany
Durch das Studium der Natur kann man in vielen Bereichen des Lebens Kompetenz und Meisterschaft erlangen. In Ludwig Mosts Werk ist die Welt der Pflanzen von seinen akademischen Skizzen bis zu seinen letzten Gemälden präsent. Dies macht uns zum x-ten Mal bewusst, dass das Leben des fühlenden und denkenden Menschen offensichtlich mit der natürlichen Umwelt verbunden ist. Es ist also höchste Zeit für konkretes Handeln und um den Schutz all dessen, was unser Leben überhaupt erst möglich macht. Dank mehrerer neuerer Opo-Betrachtungen von Dr. Ewa Gwiazdowska, die dem Thema Natur im Werk von Most gewidmet sind, erhalten wir interessante Informationen und sehen einzigartige Materialien, die die große Sensibilität des Malers in dieser Hinsicht perfekt illustrieren. Würde Ludwig Most im 21. Jahrhundert leben und arbeiten, wäre er wahrscheinlich ein leidenschaftlicher Ökologe und ein großer Verfechter einer natürlichen Lebensweise. [J.G.]
Dr. Ewa Gwiazdowska Wege und Werke von Most
Rund um das üppige Grün
Expedition LXIV
Ludwig Most stellte in seinen Gemälden nicht nur Bäume dar. Eine große Rolle spielte die Begrünung mit Sträuchern, Schlingpflanzen, Stauden und Blumen. Sie umgaben Häuser, überwucherten Lauben, wuchsen in Dörfern, Städten und an deren Rändern, begleiteten die Menschen in ihren Häusern und anderen Räumlichkeiten und schmückten Feste. Viele Zeichnungen in Skizzenbüchern sind Studien zu verschiedenen Formen von niedrigem Grün und Formen von Blättern. Darstellungen von Pflanzen finden sich in der Malerei und in grafischen Kompositionen. Sie entstammen der Tradition der schulanalytischen Arbeiten, die dem Studium der menschlichen Figur vorausgingen. Sie trugen dazu bei, die Geschicklichkeit der Hand und vor allem den Sinn für genaue Beobachtung zu schulen und die Fähigkeit zu entwickeln, komplexe und vielfältige räumliche Formen auf der Fläche nachzubilden. Die Zeichnungen von Most aus der Zeit seiner beruflichen Tätigkeit zeugen nicht nur von der Liebe des Künstlers zur Natur, sondern auch von dem universellen Bedürfnis, das Grün um uns herum, in der Umgebung unserer Häuser und Städte, zu pflegen. Darüber hinaus spielen Pflanzendarstellungen in den Werken von Most verschiedene kompositorische und sinnstiftende Rollen.
Üppiges Laub
Ludwig Most, Zwei Gruppen von Blättern, undatiert (1825-1826), Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. I, Blatt 14, Nationalmuseum in StettinWährend seiner ersten Jahre an der Kunstakademie zeichnete Most eine Studie von zwei Gruppen mit dichtem Blattwerk. Auf der einen Seite wurde sie von den Sonnenstrahlen beleuchtet. Die andere Seite lag im Schatten. Most drückte dies aus, indem er die Linie von dünn, zart bis dick, stark variierte. Die beiden bogenförmig fallenden Blätter bildeten eine Art Schirm.
Ausruhen im Schutz des Grüns
Carl Funke nach Ludwig Most, Beendetes Spiel zur Zahlungsbefreiung [Beendigtes Spiel um freie Zeche ], 1831, Radierung, Velinpapier, Nationalmuseum in StettinCarl Funke, Kupferstecher und Lithograf aus Berlin, arbeitete zwischen 1826 und 1832.
Ästhetische Kraft der Kapuzinerkresse
Ludwig Most, Kapuzinerkresse, ndat. (zwischen 1840 und 1862), Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. XII, Blatt 5 verso, Nationalmuseum in StettinKapuzinerkresse ist eine sehr malerische Pflanze. Ihre kriechenden und kletternden Stämme, die mit Zierblättern bedeckt sind, ziehen mit ihrer markanten Form die Blicke auf sich. Kapuzinerkresse taucht häufig in den Skizzen von Most auf. Das Zeichnen der unterschiedlich angeordneten runden Blätter war eine gute Übung für die Darstellung perspektivischer Verformungen. Die Zeichnung zeigt, wie sich die Form der Blätter in den Augen des Betrachters scheinbar verändert, wenn sich die Position der einzelnen Blattoberflächen ändert. Die an einem Baumstamm hochkletternde Pflanze ist eines der wiederkehrenden Motive in den Gemälden von Most.
Distel – erhabene Schönheit
Ludwig Most, Distel, ndat. (1825-1826), Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. I, Blatt 12 verso, Nationalmuseum in StettinDie Distel ist eine völlig andere Pflanzenform. Ihr Stängel wächst aus einem flachen, bodennahen Blattwerk in die Höhe und erhebt sich stolz über den Boden. Die großen, gefiederten Blätter sind zu den Seiten hin ausgebreitet, als wollten sie ihre Perfektion allen zeigen. Die Distel wächst gewöhnlich in Gruppen. Most hat zwei solcher Pflanzen so auf der Skizze platziert, dass eine gewisse Tiefe und Natürlichkeit entsteht.
Winden und Weinreben – Meister des Kletterns
Ludwig Most, Die Rankpflanze und der Weinstock, 24.06.1833, Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. VI, Blatt 2, Nationalmuseum in StettinDie Umgebung von Dresden-Loschwitz, wo Most zwischen 1830 und 1833 lebte, bestand aus Hügeln, die sich über das Elbtal erhoben. Ihre Hänge boten gute Voraussetzungen für den Anbau von Weinreben. Im Sommer 1833 sah Most bei einem Spaziergang in den Weinbergen ein malerisches Motiv. Es war ein Windenbüschel, das neben einem Pfahl wuchs, an dem eine junge Weinrebe emporstieg. In seiner Skizze stellte Most die großen, sich ausbreitenden Blätter im Vordergrund denen gegenüber, die um den schlanken Pfahl herum aufsteigen. Er hat die ersten Blätter fein umrissen und die zweiten kunstvoller gestaltet. Er modellierte sie durch Schraffierung, d. h. durch Aneinanderlegen paralleler Linien. Er zeigte den tiefen Schatten unter den Blättern mit Hilfe von dunklen Flecken.
Umgekehrte Kleider
Ludwig Most, Blätter der Clematis, 24.06.1833, Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. VI, Blatt 3, Nationalmuseum in StettinWährend desselben Spaziergangs fertigte Most auf einem separaten Blatt Studien einzelner Windenblätter und Abschnitte von Stängeln mit Blättern und Ranken (bewegliche Schlingen) an, mit denen sich die Pflanze um die ihr zugänglichen Elemente ihrer Umgebung wickelt und an ihnen hochklettert. Dieses Werk ist ein typisches Beispiel für eine akademische Übung, bei der ein und dasselbe Motiv aus verschiedenen Blickwinkeln gezeichnet wird. Die Windenblätter wachsen von den Blattstielen nach oben, so dass sie wie umgekehrte, windzerzauste Kleider aussehen. Ihre zarten, anmutigen Formen faszinierten Most so sehr, dass er ihnen eine ganze Seite in seinem Skizzenbuch widmete.
Auf der Schwelle seines eigenen Hauses
Ludwig Most, Mütterliches Glück [Mutterglück ]1859, Öl, Leinwand, Archivfoto in: Peter Paul Most, Die Bilder des Malers Ludwig Most, Hannover 1937, Kat. Nr. 120 (Typoskript in der Sammlung von Herrn Marek Wyłupek)Eine andere Zeit, eine andere Atmosphäre
Ludwig Most, Sächsisches Wirtshaus mit Kegelbahn [auch bez.: „Sonntagsausflug in die Gartenschenke“ ], 1834, Öl, Leinwand, Reproduktion in: Sotheby’s Auktionshaus, München, Auktion Deutsche und Österreichische Malerei und Zeichnungen nach 1800, München 5.12.1995, Kat. Nr. 61Spuren eines Bürgersitzes in der Nähe von Stettin
Ludwig Most, Veranda und Bank eines Vorstadthauses, 22.08. 1843, Bleistift, handgeschöpftes Velinpapier, Skizzenbuch Nr. XII, Blatt 44, Nationalmuseum in Stettin, Foto: Grzegorz SoleckiMost nahm das Motiv des Weinstocks im Sommer 1843 wieder auf. Damals zeichnete er die Veranda eines Vorstadthauses in der Nähe von Stettin in einer Gegend mit sanften Hügeln, die mit Feldern und Wiesen bedeckt sind. Im Vordergrund hat er eine hölzerne Veranda mit Stufen dargestellt, die zu einem Gartentor führen. Auf der Veranda, an der Hauswand, befand sich eine Gartenbank, die im Kontrast zu der massiven Säule stand, an die sie sich anlehnte. Aus einem Topf auf der Bank wuchs eine Zierpflanze. Vielleicht war Most damals zu Gast auf dem schlossartigen Anwesen der Familie Baesemann.
Das Rätsel des Burghauses
Ludwig Most, Porträt von Emil Baesemann, 1849, Öl, Leinwand, Nationalmuseum in Stettin, Foto von Grzegorz SoleckiDie Lösung des Rätsels, welche Veranda des Hauses Most auf der oben beschriebenen Skizze dargestellt hat, ist vermutlich das Porträt des wenige Jahre alten Jungen, Emil Baesemann, das 2016 vom Nationalmuseum in Stettin erworben wurde. Der Maler signierte das Gemälde mit der Jahreszahl 1849, während sein Enkel Peter Paul das gleichnamige Werk mit der Jahreszahl 1848 versah. Daraus folgt, dass das Stettiner Porträt eine Replik des ersten Porträts von Emil ist. Der Junge steht auf einer Veranda, die Most ein paar Jahre zuvor in einem Skizzenbuch verewigt hatte. Das Grün der Rebe ist fast an der gleichen Stelle wie auf der Skizze zu sehen. Der Weinstock, der in der Ecke zwischen Hauswand und Veranda wächst, erhebt sich hinter den Balustraden des umlaufenden Geländers, wickelt sich um die Säule und fällt dekorativ über den Kopf des Kindes. Der Unterschied zwischen der Skizze und dem gemalten Bild besteht in der Lage des Grüns auf der gegenüberliegenden Seite des Säulenschafts. Obwohl zwischen der Zeichnung und dem Gemälde fünf Jahre vergangen sind, kann man davon ausgehen, dass es sich bei der abgebildeten Veranda um diejenige des Hauses Baesemann handelt. Es ist schwer vorstellbar, dass der Maler das Kind inmitten eines anderen Hauses, als dem seiner Eltern dargestellt hat.
Als Übersetzer waren tätig: Ludwig Most (Bremervörde), Günter Müller (Erfurt), Germany
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