Als Übersetzer waren tätig: Ludwig Most (Bremervörde), Günter Müller (Erfurt), Germany
Seit Jahrhunderten ist Kleidung ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Lebens und wird dies auch in Zukunft sein. Und alles begann wahrscheinlich zwischen 120.000 und 90.000 v. Chr. in der Höhle von Contrebandiers an der Küste Marokkos, wo Knochenwerkzeuge entdeckt wurden. Sie wurden zur Herstellung von Leder und Fellen für menschliche Kleidung verwendet. Natürlich erfüllt unsere Kleidung viele Funktionen: Sie schützt uns vor ungünstigen Witterungsbedingungen und verschiedenen körperlichen Verletzungen, sie gibt Auskunft über unser Geschlecht, unsere soziale und religiöse Stellung. Ein Outfit ist auch eine Art nonverbale Botschaft über unseren aktuellen psychophysischen Zustand oder unsere soziopolitischen Ansichten. Heute sind Leder und Pelz bereits passé, und stattdessen gönnen wir uns Plastikkleidung, die unseren Körper und den Planeten zerstört … aber fürs Erste lohnt es sich, eine weitere Folge von Ewa Gwiazdowskas Opo-Geschichte über Modetrends im neunzehnten Jahrhundert zu lesen, aus der Zeit, als alles, was natürlich war, noch selbstverständlich war! [J.G.]
Dr. Ewa Gwiazdowska
Mode ist nicht gleichbedeutend mit Langeweile
Expedition LXXII
Regionale Mode zur Zeit von Most bedeutete Ähnlichkeiten, aber auch Vielfalt. Viele seiner Gemälde zeigen Landfrauen und Kleinstadtbewohnerinnen in den unterschiedlichsten Trachten, die sie täglich bei der Arbeit, beim Einkaufen, bei der Hausarbeit und bei festlichen Anlässen tragen. Nicht jede weibliche Figur kann in einer Abbildung gezeigt werden, wenn wir das Bild nur von einer kleinen Fotografie kennen. Es gibt noch ein weiteres Problem. Die deutsche Tracht ist ein weites Feld des Wissens. In vielen Fällen kann nur ein auf dieses Thema spezialisierter Ethnograph genau erklären, welche Region gemeint ist. Most hat in seinen Werken eine Fülle von modischen Möglichkeiten geschaffen. In den folgenden Episoden werden wir weiterhin mit Neugierde die Kleidung betrachten, um den Reichtum dieses wichtigen Kulturbereichs zu bewundern.
Überrumpelte Hausbesitzer in Aktion
Ludwig Most, Freundschaft, Fragment einer Studie [Der Hochzeitsbitter], 1829, Aquarell, Papier, Mosts Mappe, Bogen. 12, Nationalmuseum in Stettin, Foto: Grzegorz SoleckiEin freudiges Ereignis, ein fröhlicher Empfang
Ludwig Most, Freundschaft, Fragment, [Der Hochzeitsbitter], 1832, Öl auf Leinwand, Archivfoto, Nationalmuseum in StettinFestlicher Frühlingsumzug
Ludwig Most, Taufe eines Kindes in einem pommerschen Dorf, Fragment einer Studie, 1840, Mosts Mappe, Bogen. 19, Nationalmuseum in Stettin, Foto: Grzegorz SoleckiDie Taufe war eines jener Ereignisse, die mit großer Feierlichkeit begangen wurden. Die Täuflings-Familie, die mit den Paten in die Kirche ging, trug Paradekostüme. Ihre Vielfalt wurde von Most in einem Gemälde dargestellt, das derzeit unbekannt ist. Deshalb ist die Studie über die erhaltenen Farben so wichtig. Wir haben bereits die Figur der pyritzschen Frau gesehen, die die Prozession auf diesem Gemälde eröffnet. Die Frauen, die ihr folgten, trugen andere Kleider als sie. Die Patin geht in einem Outfit, das zwei Farben kombiniert – Schwarz und Weiß. Ihr schwarzes Kleid ist mit einem weißen Tüllschal und einer eleganten weißen Schürze mit Spitzenbesatz am unteren Ende verziert. Die schwarze Haube der Patin erinnert an einen gehobenen Stand, da sie vorn durch einen weißen, halbrunden, mit Walknochen verstärkten Vorsatz verlängert wird, der das Gesicht verdeckt. Die junge Frau neben ihr trägt ein rosefarbenes Kleid mit einem blauen Oberteil. Das Sonnenlicht, das auf sie fällt, verleiht dem Kleid zusätzlich einen perlmuttartigen Schimmer. Die beiden Frauen, die der Patin folgen, sind in rote Kleider und voluminöse Schals gekleidet; eine trägt rot, die andere dunkelblau. Beide haben schwarze Mützen mit breiten Schleifen auf der Vorderseite.
Ein Einkaufsbummel erfordert auch Anstrengungen, um zu schauen
Ludwig Most, Pommersche Bäuerin von hinten, 18.04.1836, Bleistift auf handgeschöpftem Velinpapier, Skizzenbuch Nr. VI, Blatt 53, Nationalmuseum in StettinEine Kuriosität ist ein Kleidungsstück, das an das Kostüm erinnert, das in Pyritz von einer Person getragen wird, die mit einem Korb einkaufen geht. Most zeigt es in einigen Details, aber von hinten. Er scheint der Frau heimlich zu folgen, sie zu beobachten und ernsthaft zu skizzieren, wie ein schüchterner Ethnograph bei der Feldforschung. Die Frau trägt ein rotes Kleid mit einem gerüschten Rock, der ihre Knöchel freilegt. Der Rock ist unten mit einer breiten Borte verziert, vermutlich in einer kontrastierenden Farbe, z. B. grün. Die Ärmel des Kleides sind über die gesamte Länge gleich schmal. Über die Schultern trägt sie ein buntes Dreieckstuch mit einer Rüsche. Der Hals dieser Person ist von einem Kragen umgeben, der einer Stehkragenfassung ähnelt. Um eine Mütze mit rundem Boden hat die Frau ein Tuch gebunden, dessen Enden sie über der Stirn zu einer breiten, dekorativen Schleife geformt hat. An den Füßen trägt sie flache Hausschuhe.
Eitelkeit ist ein Anlass
Ludwig Most, Weibliche Tracht von hinten, 1834? Bleistift auf Büttenvelinpapier, Skizzenbuch Nr. VI, Blatt 61 verso, Nationalmuseum in StettinDie auf dieser Skizze abgebildete Person sieht aus, als hätte Most sie überredet, anzuhalten und ihre Kleidung zu zeigen. Die Frau steht mit dem Rücken zum Betrachter und hebt ihr oberstes Kleid an, um zu zeigen, wie schön ihr anderes Kleid ist, das unter dem Kleidungsstück verborgen ist. Der Umriss eines Korbes an ihrem linken Arm verrät uns, dass Most sie auch „festnagelte”, als sie das Haus verließ, um einkaufen zu gehen. Die Anmerkungen in der Illustration helfen dabei, ihr Outfit in Farbe zu sehen. Das Oberkleid ist rot und unten mit einem schwarzen Samtband verziert. Das untere Kleid ist mit vertikalen Streifen in den Farben Grün (schmal) und Rot (breit) benäht. Die Frau trägt ein kleines Tuch auf den Schultern und einen Kopfschmuck mit einem verlängerten, auf den Rücken fallenden Ende und einer angenähten Bommel. An den Füßen trägt sie Wollstrümpfe und Pantoffeln ohne Absätze, die leider nicht zu ihrem Charme beitragen, da sie zertrampelt erscheinen.
Koketterie am Arbeitsplatz ist keine schlechte Sache
Ludwig Most, Fischhändler, Fragment, 1846, Öl auf Leinwand, Nationalmuseum in StettinAuch an Frauen mangelte es nicht in der Stube, in die die Fischer von ihren Schiffen den Fisch zur Verzollung und zum Verkauf brachten. Sie waren für das Waschen, Putzen und Verpacken der Fische in Fässer zuständig. Diese harte Arbeit hinderte einige nicht daran, sich farbenfroh zu kleiden. Eine junge Frau, die in der Tiefe des Raumes mit einer flachen Wanne zu sehen ist, trägt eine grünes Mieder über einer weißen Bluse mit kurzen Ärmeln. Ihr Dekolleté betonte sie mit einem roten Schal. Ihre Kollegin, die Heringe in die Tonne legt, ist bescheidener gekleidet. Sie trägt ein dunkles, wahrscheinlich braunes Hemd und einen helleren Rock. Auf dem Kopf trägt sie eine helle Haube mit einer Schleife über der Stirn.
Fast auf frischer Tat
Ludwig Most, Hut des vergessenen Liebhabers, Fragment, 1847, Öl auf Leinwand,Archivfoto, Peter Paul Most, Die Bilder des Malers Ludwig Most, il. 84 Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Marek Wyłupek
Wir sind neugierig, wie sich eine junge Frau gekleidet haben mag, die zu Hause auf einen heimlichen Liebhaber wartet. Most beschäftigte sich mehrmals mit diesem Thema, nämlich in den Jahren 1839, 1843 und 1847 (Kat. Nr. 57, 66 und 84). Sein Enkel fügte dem Typoskript seines Werkes eine Schwarz-Weiß-Fotografie bei. Darauf ist nur der Schnitt der Kleidung des unglücklichen Mädchens zu erkennen, dessen Liebhaber auf der Flucht vor dem herannahenden Vater [sich hinter dem Tür-Vorsprung versteckt und] vergaß, seinen Hut mitzunehmen. Das verzweifelte Mädchen bedeckt ihr Gesicht mit der breiten und langen Schürze. Ihr Hemd hat kurze Ärmel, die mit einer Rüsche besetzt sind. Die Frau trägt ein enges, dunkles Mieder, ein helleres Kopftuch, das ihr Dekolleté bedeckt, und einen weiten Rock mit einer Borte am Saum. An den Füßen trägt sie Hausschuhe ohne Absätze.
Kleidung für den Kirchgang
Ludwig Most, Taufe in einer pommerschen Dorfkirche, Fragment einer Studie, 1868? Öl auf Papier, Mosts Mappe, Bogen. 59, Nationalmuseum in Stettin, Foto: Grzegorz SoleckiDie Trachten der Frauen, die bei wichtigen kirchlichen Feierlichkeiten in den Gemeinden von Pyritz getragen wurden, waren nicht immer regionale Trachten. In der Szene mit der Taufe des Nachkommen der Familie Most traten Frauen auch in anderer Kleidung auf. Jedenfalls sah die Pyritz-Tracht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als dies Werk und seine Kopien entstanden, schon etwas anders aus. Es wäre interessant, zu wissen, ob die Familie Most die Tradition des Tragens von Kleidern über mehrere Jahrzehnte beibehalten hat oder ob der Maler selbst die Tracht von Pyritz aus den 1830er Jahren als ein Motiv behandelt hat, von dem er sich nicht trennen wollte. Oder ist das erste Gemälde, das eine Taufe in der Kirche darstellt, vielleicht schon viel früher entstanden, aber in Vergessenheit geraten? Auf dem Bildnis aus dem Jahr 1871, das sich heute in einer Privatsammlung befindet, sind auf der linken Seite Personen in etwas anderer Kleidung zu sehen. Die Frau, die sich auf eine Brüstung stützt, trägt ein braunes Wollkleid und einen großen, gelblichen Schal, der in der Studie fast unsichtbar mit einem rot-blauen Muster verziert ist. Auf dem Kopf trägt sie eine kegelförmige Kappe, die mit einem Band versehen ist, dessen Ende entlang der Schläfe fällt. Die hinter ihr sitzende Frau trägt bürgerliche Kleidung, bestehend aus einem dunkelroten Wollrock und einer schwarzen Jacke. Auf dem Kopf trägt sie eine runde rote Haube mit über den Rücken fallenden Bändern und einem breiten, halbrunden, den Kopf verdeckenden weißen Schild.
Eine Studie über Feierlichkeit
Ludwig Most, Frau an einem Stickrahmen sitzend, undatiert, 1836-1837, Bleistift, handgeschöpftes Büttenpapier, Skizzenbuch Nr. VI, Blatt 62, Nationalmuseum in StettinIn einem Skizzenbuch, das Most in den 1830er Jahren anfertigte, findet sich die Studie einer Frau in einem Gewand, das dem entspricht, in dem die Figur auf einem 1871 gemalten Taufbild dargestellt ist. Die dargestellte Person steht nicht an der Brüstung, sondern sitzt und ist offenbar mit dem Besticken von Stoff beschäftigt, der über eine Art Stickrahmen gespannt ist. Die Dargestellte trägt ein dickes Wollkleid und eine breite Schürze. Die Enden eines geblümten Schals, den sie über den Schultern trägt, sind um ihre Taille gewickelt und im Rücken zusammengebunden. Ihr Kopf wird von einer kegelförmigen Haube bedeckt; das Ende eines breiten Bandes, das über der Stirn der Stickerin an der Haube befestigt ist, fällt auf ihre Schläfe.
Als Übersetzer waren tätig: Ludwig Most (Bremervörde), Günter Müller (Erfurt), Germany
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